OTZ begleitete die U13-Fahrer des SSV Gera – 14.05.2014

U11m+w, U13m+w, U15w

OTZ begleitete die U13-Fahrer des SSV Gera – 14.05.2014

Ab Schöna wird es richtig ungemütlich. Ein gewaltiger Regenschauer setzt über der Ortschaft vor Münchenbernsdorf ein. Die Straße aus Kopfsteinpflaster ist schlagartig spiegelglatt. Dass die Strecke durch den Ort zudem noch recht kurvenreich ist, macht die Sache nicht gerade besser – zumindest, wenn man auf einem dünnbereiften Rennrad sitzt. Ein Hauch von Paris-Roubaix liegt zeitweilig in der Luft. “Wenn es so regnet, haben die sich bestimmt irgendwo untergestellt”, sagt André Wolf, der einen Kleintransporter – erinnert bisweilen an den “Besenwagen” der Tour de France – über die holprigen Wege lenkt.

Mit “die” meint der 34-Jährige die U13- und U15-Trainingsgruppen des SSV Gera, die an jenem Freitagnachmittag eine Trainingseinheit von gut 41 Kilometern absolvieren und deren Herzstück ein abwechslungsreicher Rundkurs in und um Münchenbernsdorf und dem Gewerbegebiet in Lederhose ist. Dieser erstreckt sich über jeweils 4,8 Kilometer und ist ein zentraler Bestandteil einer Etappe der kommenden Ostthüringen Tour (16. bis 18. Mai). Dreimal müssen die jungen Fahrer ihn an diesem Freitag bezwingen.

Doch die Witterung ist mehr als bescheiden. Und Wolf sollte Recht behalten, denn kurz vor Münchenbernsdorf ruft Trainer Lucas Schädlich bei ihm an und gibt ihm zu verstehen, dass sich die Radrennfahrer bei einem hiesigen Supermarkt vorübergehend untergestellt haben. Als jedoch Wolf besagten Treffpunkt in Münchenbernsdorf ansteuert, setzt sich das Feld bereits wieder in Bewegung. Der Regen ist verschwunden, die Straßen sind indes noch nass.

Noch einmal treten die Nachwuchsfahrer kräftig in die Pedale, brechen zur dritten – und finalen – Runde auf, bevor sie schließlich die Heimreise über Saara und Geißen zur Geraer Radrennbahn antreten.

Ein Anstieg, der aus Münchenbernsdorf hinausführt und der es in sich hat – Otto-Normal-Radfahrer würde sicherlich verzweifeln – meistert die Nachwuchstruppe souverän. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, fahren die 20 Radsportler die Anhöhe hinauf. Und als quasi Belohnung für ihre Mühen lässt sich auch die Sonne wieder am Himmel blicken.

Kurz vor der Abfahrt in Lederhose gen Münchenbernsdorf unterbricht Schädlich dann das Training. Die Fahrer sammeln sich an einer Einbuchtung vor einem Feld. Der Übungsleiter richtet eine Handvoll abschließender Worte an seine Schützlinge. “Jede Strecke hat ihre Eigenheiten”, betont der 25-Jährige und gibt seinem radelnden Auditorium diverse strategische Tipps bezüglich des Rundkurses mit. Da der Kurs sehr anstrengend ist und wenig Möglichkeiten zur Erholung während des Rennens bietet, erläutert Schädlich, wann und wo Optionen dafür bestehen. Und er brieft sie auch dahingehend, wie sie zu fahren haben. So sollen sie bei der gut einen Kilometer langen Abfahrt stets mittreten, das sogenannte “Drübertreten”, bei dem es weniger auf die Geschwindigkeit ankommt, als vielmehr darauf, dass die Beine während der langen Abfahrt nicht kalt werden: “Wenn es dann wieder hinauf geht, sind die Beine mitunter fest.” Aufmerksam hören die Mädchen und Jungen zu, verinnerlichen die Hinweise ihres Übungsleiters.

Schließlich steigen alle ein letztes Mal auf den Sattel. 18 Kilometer sind es noch bis Gera. Zuvor kommt jedoch noch einmal die Abfahrt nach Münchenbernsdorf. Vorfreude liegt in der Luft. Nur einer darf an dem Spektakel nicht teilnehmen: Paul Weiß. Für ihn ist das Training an dieser Stelle beendet. In der Nacht zuvor hatte er Bauchkrämpfe, musste sich übergeben. Dennoch biss der 12-Jährige auf die Zähne, wollte unbedingt trainieren. Und eigentlich fühlt er sich gut. Doch Schädlich will ihn schonen. Daher nimmt Weiß im Kleintransporter Platz, wo er dann über seine Zweiradbegeisterung ausführlich spricht: “Durch den Sport sieht man was von der Welt, ist immer draußen. Beim Fußball sieht man doch immer nur das Stadion”, so das Talent, das seit sechs Jahren “im Sattel” sitzt.

Und auch bei ihm hat das Sprichwort vom Apfel und dem Baum seine Berechtigung: Sein Vater war bereits als Radsportler aktiv. Sein Idol ist Marcel Kittel und genau wie er möchte auch Weiß einmal ein großer Sprinter werden. Doch er betont auch, dass man in seinem Alter erst einmal alles beherrschen sollte, Spezialisierung komme später. Zudem benötige man für den Radsport drei Dinge: Kraft, Ausdauer und natürlich Mut. Letzteres für die Abfahrten und auch um sich in einem dichten Fahrerfeld zu behaupten.

Und dann herrscht plötzlich Aufregung im Feld. In einer Kurve stürzen zwei Fahrer. Doch keiner kommt zu Schaden. Dennoch kullern bei einem gewaltig die Tränen. Doch Schädlich motiviert seinen “gefallenen Pappenheimer” wieder auf das Rad zu steigen. Der liebäugelt indes mit einem Platz im Kleintransporter. Doch daraus wird nichts.

Zwar lässt sich der Junge auf der Rückfahrt immer mal wieder hängen, doch Schädlich nimmt sich seiner konsequent an, redet ihm gut zu, appelliert an seinen Willen und schiebt ihn hie und da auch ein wenig an – mit Erfolg. Bis zur Radrennbahn in Gera hält er durch. “Es war wichtig für ihn, dass er nicht aufgegeben hat. So hat er das Training mit einem positiven Erlebnis beendet. Ansonsten wäre der Sturz sein letzter Eindruck. Ich bin stolz auf ihn”, so Schädlich nach der Ankunft in Gera.